Sprachkurs in China?

Sprachkurs in China?

Warum wollte ich einen Sprachkurs in China machen? Ehrlich gesagt wäre ich in Deutschland sonst nie auf die Idee gekommen, Chinesisch zu lernen. Aber ich wollte nach und in China alleine reisen, und da ich wusste, dass Englisch nicht sehr verbreitet ist, dachte ich mir, es schadet bestimmt nicht, wenn man ein bisschen Chinesisch kann. Außerdem wäre ich so erst einmal „aufgehoben“, wäre nicht völlig auf mich alleine gestellt und würde Leute kennenlernen. Das Metropolitan-Programme von LTL bot mir zudem die Gelegenheit, zwei Wochen in Peking und zwei Wochen in Shanghai zu verbringen und so gleich zwei Städte abzuhaken, die ich sowieso sehen wollte. Doch nicht nur deswegen habe ich mich nach langer Suche im Internet für LTL entschieden – die Schule schien mir unter unzähligen Anbietern einfach irgendwie am vertrauenswürdigsten.

Mit chinesischen Gasteltern

Katja mit ihrer chinesischen “Familie”

Das 2-Städte-Programm ermöglichte es mir außerdem, einmal bei einer Gastfamilie und einmal in einer Studenten-WG zu wohnen. Wobei meine größten Bedenken vor der Anreise der Gastfamilie galten. Bin ich mit meinen 36 Jahren nicht zu alt für eine Gastfamilie? Werde ich zu sehr eingeschränkt? Muss ich wie ein Kind jeden Abend zum Abendessen zu Hause sein? Und nicht zuletzt sprechen: sie wirklich kein Englisch? Wie soll ich das erste Wochenende überstehen – ich sollte an einem Freitag ankommen und der Sprachkurs begann am Montag.

Bei meiner Ankunft in der Gastfamilie – die im Programm inbegriffene Abholung vom Flughafen durch einen Fahrer war super – dann tatsächlich die Erkenntnis: sie sprechen kein Englisch, können aber gut mit dem Übersetzungsprogramm auf dem iPad umgehen: Have meal? Trotzdem war mein erster Gedanke: Warum um alles in der Welt habe ich nicht schon in Deutschland ein bisschen Chinesisch gelernt? Aber: irgendwie konnten wir uns doch verständigen, ich konnte irgendwie ausdrücken, dass ich zum Frühstück kein Glas Milch trinken möchte sondern Tee oder Kaffee (zuerst hatte ich zu ihrer Verblüffung aus Versehen gesagt, dass ich Kaffee und Teeblätter trinke) und nach dem Wochenende konnte ich schon einige wichtige Begriffe: xi zao (duschen), zaofan (Frühstück), ditie (U-Bahn). Hilfreich war auch, dass an diesem Sonntag bereits der erste LTL-Ausflug anstand, zum Sommerpalast in Peking. Ein Angebot, das ich natürlich gerne annahm – Sarah von LTL und andere Schüler kennenlernen, darunter meine künftige Klassenkameradin Laura, sich austauschen, Englisch sprechen – herrlich.

Dann am Montag Kursbeginn mit weiteren vier Anfängern, aber erstmal Frühstück mit Schulleiter Andreas, der uns gleich einen der allerwichtigsten Sätze überhaupt (auch für meine spätere Reise) beibrachte: wo yao zhege – ich will das da. Dazu immer auf die Bilder in der Speisekarte oder auf das Essen am Nachbartisch deuten. Im eigentlichen Unterricht haben wir dann zuerst einmal Töne und Aussprache geübt. Vor allem mit den in pinyin als j, q und x geschriebenen Lauten hatte ich meine Schwierigkeiten, genauso mit den Tönen. Deshalb war mein erster Gedanke auch: ich höre zu schlecht für Chinesisch. Mein Eindruck ist auch, dass es eigentlich eine begrenzte Anzahl von Silben gibt, diese aber je nach Tonhöhe, Zusammenhang und Zusammensetzung immer etwas Anderes bedeuten. Die Chinesen unterscheiden sie an den unterschiedlichen Schriftzeichen, aber die sind ja das noch größere Problem für den Anfänger. Auch wenn man ein paar kennt – der gebildete Chinese kennt 3000-5000! Wie man das schafft bleibt ein Rätsel, und es zeigt einem, wie gut wir es doch haben, dass wir mit unseren 29 Buchstaben unendlich viele Wörter bilden können.

Abendessen mit Mitschülern

Abendessen mit Mitschülern

In den ersten beiden Wochen in Peking hat die Gastfamilie unheimlich geholfen, und ich habe mir immer wieder Gedacht, was für ein Luxus es ist, einfach mal wieder ein Baby zu sein – juhu! ich kann bis zehn zählen! – und sich ungestraft zum Deppen zu machen, weil man eben einfach ein verdammter Anfänger ist. Was auch interessant war, ist dass mein Sprachzentrum insgesamt anscheinend sehr angeregt wurde. Wenn ich eigentlich etwas auf Chinesisch sagen wollte, dafür aber keine Worte hatte, ist es mir auf einmal auf Russisch eingefallen. Genauso wusste ich auf einmal auf Anhieb das französische Wort für Knochen – ich bezweifle, dass ich das schon jemals aktiv verwendet habe. Das Chinesisch-Lernen ist also auf jeden Fall gut fürs Hirn und kann nur helfen, der Demenz vorzubeugen. Leuchtendes Vorbild sollte also Alex, der Schulleiter in Shanghai sein, der zehn Sprachen spricht und das, soweit ich es beurteilen kann, auch wirklich. Gerade lernt er seine elfte: Mongolisch.

Beim Erproben der Sprachkenntnisse im Alltag wechselten sich Erfolgs- und Frusterlebnisse ab. Als besonders tückisch erwiesen sich Speisekarten ohne Bilder. In einer kleinen Grillspelunke in Shanghai (viele Chinesen, gutes Zeichen) haben Mitbewohner Andrew und ich versehentlich Hühnerherz bestellt, und irgendetwas, von dem ich nur vermuten kann, dass es vielleicht Lammkutteln waren.

Aber wieviel kann man in vier Wochen nun tatsächlich lernen und reicht das zum Reisen? Natürlich sind vier Wochen eine kurze Zeit und vor allem was die Schriftzeichen angeht, hat man danach nur einen sehr kleinen Grundstock. Aber man kann sagen, was man möchte, man kann Fragen stellen, mit etwas Glück versteht man auch die Antwort und was ich am wertvollsten fand: man kommt mit den Leuten ins Gespräch, gerade wenn man alleine reist. Jeder Taxifahrer freut sich und lobt überschwänglich, wenn mein ein paar Brocken herausbringt – wo man herkommt, wo man hinwill, wie das Wetter ist. Und übrigens: die Chinesen mögen die Deutschen. Immer wenn man sagt, dass man aus deguo kommt, antworten sie begeistert: Deguo hen hao! Hen hao!

Abendessen Gastfamilie

Abendessen bei der Gastfamilie

Und die Gastfamilie? Ich kann nur sagen: sehr zu empfehlen! Man bekommt einen ganz anderen Einblick in das chinesische Alltagsleben als das – auch bei einer längeren Reise – möglich ist, und lernt vor allem die Chinesen besser kennen, wie sie ticken und leben. Meine Gasteltern, ein Rentner-Ehepaar, waren einerseits sehr um mich bemüht, haben mir andererseits aber auch genug Freiraum gelassen. Wenn ich wollte, konnte ich ihnen in der Küche beim Kochen helfen und wichtige Vokabeln für Essen lernen oder vor dem Fernseher Gesellschaft leisten, aber genauso gut konnte ich in meinem Zimmer xiuxi (ausruhen) oder xuexi (lernen). Im Nachhinein wäre ich gerne die ganzen vier Wochen bei meiner Gastfamilie in Peking geblieben – jeden Tag ein reichhaltiges Frühstück und ein vorzügliches Abendessen, wo gibt’s das schon. Aber es wäre mir dann wohl auch schwerer gefallen, mich aufzumachen aus dem gemütlichen Nest und zu reisen. Durch den Wechsel nach Shanghai fiel mir das leichter.

Jetzt, wo sich meine Reise dem Ende zuneigt, kann ich wirklich jedem nur empfehlen, sich sein eigenes Bild von China zu machen. Chinesisch hilft dabei ungemein.

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